Nahe an den Menschen

Die Welt, wie wir sie kannten - Susan Beth Pfeffer

“Die Welt wie wir sie kannten”  ist ebenfalls solch ein Buch, wie ich sie aktuell händeringend suche: solche, die interessant und spannend klingen ohne dafür liebestrunkene Vampire oder zum Schoßhund degenerierte Werwölfe aufzufahren. Außerdem habe ich ein Faible für Endzeit-Geschichten.
Nachdem ich die ersten Kapitel gelesen hatte, war ich dann ziemlich über mich selbst erschrocken, denn irgendwie hatte ich eine Weltuntergangs-Geschichte quasi im Hollywood-Stil erwartet. Wo es die Menschen speziell schockiert, wenn die Wahrzeichen ihres Landes in sich zusammenfallen (natürlich mit lautstarkem Spektakel drum herum und einem Gewitter oben drüber), wo es besonders dramatisch ist, wenn die Naturgewalten ein liebendes Paar trennen, wo aber immer auch ein Trupp Menschen unterwegs ist, der später alles retten wird, was nur zu retten ist.
Tja, solche Erwartungen erfüllt “Die Welt wie wir sie kannten” nicht.Ich habe das anfangs tatsächlich als bedauerlich empfunden, aber dann ist mir schnell klar geworden, dass diese Art Weltuntergangs-Szenario wie es dieses Buch beschreibt, noch um ein Vielfaches dramatischer ist.  Da merkt man erst, wie sehr einen die Hollywood-Endzeit-Storys verderben. Denn Susan Beth Pfeffer greift sich eine ganz normale amerikanische Familie heraus und lässt die Tochter in Tagebucheinträgen von ihrem Leben, ihrem Alltag, berichten, nachdem ein Asteroideneinschlag auf dem Mond diesen aus seiner Bahn gebracht hat.  Und da sind in erster Linie die vermeintlich kleinen Dinge des Lebens plötzlich großes Thema. Wie soll ein Haushalt funktionieren, wenn es plötzlich tagelang keinen Strom gibt und wenn, dann nur für wenige Minuten? Wie hält man es aus, wenn das Essen plötzlich so radikal rationiert wird, dass man den Hunger irgendwann schon als normal empfindet? Wie lebt es sich mit der Ungewissheit um Freunde und Verwandte, wenn Telefon, Internet, TV und selbst die Post nicht mehr funktionieren und stattdessen Todeslisten die Runde machen? Und wie verändert sich das Miteinander in der Familie, wenn plötzlich alles fast ständig zusammen sind, weil es zu gefährlich ist, nach draußen zu gehen?
Es ist wirklich der reine, schiere Alltag, der in diesem Buch beschrieben wird, und damit ist es so nahe an jedem Menschen dran, dass es einen im Nu gefangen nimmt und erschreckt.
Und so viel sei verraten: ein Happy-End gibt es nicht, allenfalls ein Hopeful-End.

“Die Welt wie wir sie kannten” wird wie gesagt in Tagebucheinträngen von der 16jährigen Miranda erzählt.  Das schränkt zwar einerseits die Sichtweise ein, ermöglicht es andererseits aber auch dieser einen Sichtweise, besonders intensiv und detailreich zu sein. Genau das trifft hier zu. Man fühlt mit Miranda in jeder Minuten mit. Da sie ihre Familie natürlich sehr gut kennt, vermittelt sie einem aber auch oft einen Blick auf diese Personen.  Mitunter so intensiv, dass einem tatsächlich die Tränen kommen oder man trotz allen Elends plötzlich lachen muss.


Das Buch liest sich eigentlich flüssig weg, es ist eher der Inhalt, der mich immer wieder zu Pausen gezwungen hat.
Denn auch wenn es hier keine Effekthascherei gibt, das Geschilderte hat Wirkung und das muss man ab und zu erst mal sacken lassen.

 

Das Cover wird von dem riesigen Mond dominiert, die verschneite Szene darunter nimmt man zunächst kaum wahr.
Dabei ist sie einen Blick wert, denn sie sieht täuschend idyllisch aus. Erst nach der Lektüre wird einem das ganz anders erscheinen.

 

Fazit:   Näher an jedermanns Leben kann eine Geschichte um den drohenden Weltuntergang nicht sein. Und dadurch ist “Die Welt wie wir sie kannten” nur umso erschreckender.

Quelle: http://leserattz.wordpress.com/2010/05/14/die-welt-wie-wir-sie-kannten