Fantasy abseits des Mainstreams, aber mit schwieriger Hauptperson

Numbers - Den Tod im Blick - Rachel Ward

Als ich zum ersten Mal von Numbers hörte, war ich sofort Feuer und Flamme. Die Idee eines Mädchens, das in den Augen anderer Menschen deren Todesdatum sieht, das klang sehr interessant. Endlich mal eine Abwechslung zum gerade so angesagten Fantasy-Trend mit Vampiren, Werwölfen etc.
Und das stimmt so auch, die Idee ist innovativ und sehr gut ausgearbeitet worden. Jem erzählt die Geschichte in der Ich-Form, so dass man als Leser quasi in ihre Gedanken “sehen” kann und all ihre Probleme, Erkenntnisse, Ängste und seltenen glücklichen Momente ungefiltert mitbekommt. Das hat unter Anderem zur Folge, dass es schon sehr ergreifende Szenen gibt, denn Jem sieht den Todestag natürlich auch bei Menschen, die ihr sehr nahe stehen oder die sie gar liebt. Rachel Ward hat hier erfreulicherweise nichts beschönigt. Die Grundstimmung in Numbers ist eher gedrückt und bedrückend, was dem Kitsch keine Chance lässt. Der hätte ansonsten sicher viel Raum in der Geschichte gehabt.
Soweit klingt das alles sehr positiv, aber es gibt zwei ganz wesentliche Punkte, die es verhindert haben, dass ich mit Numbers richtig warm wurde.
Inhaltlich ist es der, dass ich mich mit Jem so überhaupt nicht identifizieren konnte. Die Tochter einer drogensüchtigen Mutter, die gegen ihre Pflegefamilie und die Schule rebelliert, die keinem Ärger aus dem Weg geht, ja, die sich sogar von ihrem Freund zu der verrückten Idee mit der Flucht vor der Polizei in geklauten Autos überreden lässt, die relativ locker durchs Leben und verschiedene Haushalte vagabundiert…
Da hilft es auch nicht, dass sie durchaus tief drinnen den Wunsch hegt, einfach ein einigermaßen normales und glückliches Leben zu führen. Jems Art und Leben ist von meinem (glücklicherweise) so weit weg, dass mir für ihr Denken und Handeln oft das Verständnis fehlte. Da beides aber für die Geschichte wichtig ist, habe ich keinen sonderlich guten Bezug dazu gefunden. Wer aber ein Faible für Storys mit solch einem “Antihelden” hat, der wird Numbers schnell mögen.

Der zweite Grund ist sprachlicher Natur. Wie schon gesagt, erzählt Jem ihre Geschichte selbst. Und zwar genau so wie man es von einem Menschen mit ihrer Vergangeheit, ihrem unsteten Leben, erwartet.
Umgangssprachlich, oft ohne Rücksicht auf Grammatik, da werden Nebensätze zu Hauptsätzen und manchmal wechselt sie abrupt dazu, den Leser direkt anzusprechen. Ich bin anfangs ständig über diese krude Sprache gestolpert, Numbers las sich furchtbar holprig. Das hat sich bis zum Ende hin auch nur minimal gebessert, von flüssigem Lesen konnte bis zum Schluss nicht die Rede sein. Ich bin mir sicher, dass Rachel Ward diese Erzählform bewusst gewählt hat, zumal sie zusätzlich etwas über Jems Charakter aussagt, aber es ist einfach unbequem zu lesen.

Numbers ist kein gebundene Buch, wie es viele Seiten behaupten, sondern broschiert. Da es außerdem mit 362 Seiten nicht übermäßig dick und schwer ist, ist es ein praktisches Buch zum Überallmithinnehmen.

 

Das Cover ist schlicht gehalten, mit dem Schriftzug aus Zahlenkolonnen aber gleichzeitig auch sehr wirkungsvoll und passend zur Geschichte.
Eine schöne Idee bei den Büchern des Chicken House Verlags ist der Lesetipp, der eine Seite aus dem Buch empfiehlt, die besonders viel über die Story aussagt.

 

Fazit:   Eine wirklich tolle Idee, die schlüssig und authentisch umgesetzt wird, Spannung und große Gefühle, das alles ist bei Numbers mit dabei. Leider waren Jems Charakter und der Schreibstil nicht mein Fall. Wer sich darauf aber einlassen kann und gute Fantasy abseits von Vampiren und Werwölfen sucht, der sollte sich Numbers näher ansehen.