Nichts für schwache Nerven

Das Kind auf der Treppe - Karla Schmidt

Ein Mann liegt gefesselt auf einem Feldbett. Man hat ihm erst die Zunge, dann Scheibe für Scheibe das linke Bein abgeschnitten. Langsam und qualvoll wird der Mann zerstückelt. Er wartet auf den Tod – oder auf Rettung. Als sich jemand an der Wohnungstür zu schaffen macht, aktiviert der Mann seine letzten Kraftreserven und kann sich bemerkbar machen. Doch bevor die Hilfe naht, kommt seine Peinigerin, um sich das nächste Stück Fleisch zu holen.

 

Ich gebe zu, ich habe lange Zeit beim Lesen immer nur gedacht: da gibt es ja nur kaputte Charaktere. Denn das muss man sagen, so ganz normal ist in diesem Thriller wirklich niemand. Erst nach und nach erschließen sich einem teilweise wirklich erschreckene Tatsachen und Zusammenhänge. Die hat man zuvor allenfalls geahnt und dann doch als unmöglich verworfen. Gleichzeitig erkennt man aber auch, dass alle Charaktere durch eben diese Tatsachen eben so sind, wie sie sind.

Dann kann man sich zumindest etwas verstehen und ihr Denken und Handeln nachvollziehen. So richtig warm bin ich aber mit keinem von ihnen geworden. Dafür sind sie mir doch alle zu “sperrig” mit ihren ausgefallenen Vorlieben, ihren Ängsten, ihren Psychosen und und und. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, ein Buch zu lesen, das einfach keinen Bezug zu seinen Personen aufkommen lässt. Das war für mich eine ganz neue Erfahrung und ich habe wirklich bis zuletzt nach wenigstens einem griffigen Charakter gesucht. Gefunden habe ich ihn nicht.
Karla Schmidt reizt in diesem Buch die Extreme jedenfalls ganz schön aus. Von Alkoholismus, Vergewaltigung, Inzest bis hin zu Kannibalismus wird alles aufgefahren, was dem Genre zur Verfügung steht. Normalerweise würde ich sagen “too much” um gut und fesselnd zu sein. Doch bei diesem Roman passt das auch seltsame Art zusammen und ergibt durchaus ein einheitliches Ganzes.

 

Das Buch ist vom Schreibstil her leicht zu lesen. Das ist gut so, denn hat man erst mal angefangen, will man auch immer schnell wissen, wie es weitergeht und ob sich die Ahnungen, die man hat, bestätigen. Der Gedanke, dass das alles nicht wahr sein kann, hält einen vom Anfang bis zum Ende bei der Stange. Da ist es praktisch, dass es sich sehr flüssig lesen lässt.

 

Auf dem Bild oben kommt das so nicht rüber, aber das Cover des Buches hat einen silbrig-metallischen Glanz, was mir sehr gut gefallen hat. So etwas hatte ich bisher noch nicht gesehen. Das düstere Bild hinter dem Titel-Schriftzug passt gut zur Geschichte mit der Treppe und dem Schatten davor. Beängstigend wie manche Szene im Buch.

 

Fazit:   Erschreckend, extrem und fesselnd. Ein Psychothriller, den man so schnell nicht aus dem Kopf bekommt. Für zart besaitete Seelen allerdings nicht zu empfehlen!

Quelle: http://leserattz.wordpress.com/2010/08/15/rezension-das-kind-auf-der-treppe-karla-schmidt