Spannender Krimi und schwieriger Hauptperson

Sommersaat: Kriminalroman - Tanja Weber

Eine grausam schöne Idylle Germerow ist ein harmloses Dorf vor den Toren Berlins. Dorthin hat sich Johannes Stifter zurückgezogen. An den Ufern eines klaren Sees sucht er Ruhe und Frieden. Er will über Foucault promovieren und ein unaufgeregtes Leben als Postbote führen. Doch ein bestialischer Mord sucht Germerow heim, und Stifter ist plötzlich Verdächtiger und Ermittler in einer Person. Er muss sich eingestehen, dass er sein Dorf nicht kennt und dass seine Bewohner alte Schuld und neue Geheimnisse vor ihm verbergen.

 

Manchmal gerät man auch Dank falscher Erwartungen an ein wirklich gutes Buch. So geschehen bei “Sommersaat”, für das ich mich nur deshalb interessiert hatte, weil es vom Klappentext her so klang als ginge es vom Genre her in meine derzeit liebste Richtung: die der Regionalkrimis.
Das war ein Irrtum, wie ich schnell feststellen musste. Dabei spielt der Handlungsort hier durchaus eine wichtige Rolle. Germerow, ein kleines Dorf nahe Berlin, das auf den ersten Blick so richtig verschlafen und absolut harmlos wirkt. Tanja Weber gelingt es wirklich sehr gut, dem Leser diesen Eindruck von diesem Ort zu vermitteln, indem sie die sandigen Straßen, die gartenhausähnlichen Häuser, den Wald und den nahen See und natürlich auch die Leute dort anschaulich und recht detailliert beschreibt.
Da ich vor Längerem etwa ein Jahr häufiger in Brandenburg war und auch solche Orte bzw Siedlungen kennengelernt habe, konnte ich mir Germerow umso besser vorstellen. Es wirkt anfangs so wirklich einfach nur idyllisch.
Doch sehr bald macht sich Unruhe im Ort breit, denn am See wird die Leiche eines Mannes gefunden. Es ist der ehemalige  Partner einer jungen Frau aus dem Dorf, die mit ihren drei Kindern von verschiedenen Vätern alleine dort lebt. Gefunden wird er von Johannes Stifter, dem Postboten von Germerow, der so schnell in Verdacht gerät, etwas mit dem Tod des Mannes zu tun zu haben. Die Idylle bekommt ihre ersten Risse, und es folgen noch zahlreiche Risse mehr, denn der Mord zieht ungeahnt weite Kreise. Die stellen nicht nur Stifters Eindruck von Germerow, sondern auch den des Lesers ordentlich auf den Kopf. Die Richtung, die dieser Krimi schließlich einschlägt, hatte ich so beim besten Willen nicht erwartet. Nicht, weil das Verbrechen und sein Hintergrund irgendwie abwegig oder unrealistisch sind, sondern weil es speziell vor diese Kulisse einfach nur grausig wirkt.
Gefreut hat mich dabei, dass -obwohl das Drumherum um den Mord weit über Germerows Grenzen hinaus reicht- die Handlung trotzdem überschaubar und gut zu verfolgen ist. Natürlich mischen bald mehr Charaktere mit als nur die Germerower und ja, der Mord ist letzlich nur die Spitze des Eisberges, aber man kann gut den Überblick über die Personen und die Zusammenhänge behalten. Das finde ich immer wichtig, denn für mich baut sich keine Spannung auf, wenn ich alle paar Kapitel zurückblättern oder überlegen muss, wer noch mal der und der war, und was er gemacht hat.
“Sommersaat” fand ich dagegen auch durch diese Geradlinigkeit so spannend, dass ich es am liebsten in einem Rutsch gelesen hätte. Dass Stifter nicht der Mörder ist, das weiß man seit Anfang her, aber während man liest, hat man immer wieder einen anderen Verdächtigen und so wirklich ausschließen kann man bis zuletzt niemanden. Ich war mit meinem Verdacht ja leider ziemlich auf dem Holzweg ;)
Mit einer Sache bzw einer Person hatte ich aber doch meine Schwierigkeiten (und habe sie auch immer noch). Das ist leider auch noch die Hauptperson, nämlich Stifter. Zum einen ist er mir vom Wesen her viel zu ruhig. Er spricht nicht viel, er fühlt sich alleine in seiner Datsche am wohlsten, er möchte so gerne den Eindruck vom Heile-Welt-Germerow aufrechterhalten und ist zutiefst erschüttert darüber, dass das immer unmöglicher wird, und statt dass er -wenn es durchaus mal an der Zeit dafür wäre- ordentlich auf den Tisch haut, geht er lieber morgens um vier zum Abreagieren im See schwimmen oder ersäuft seinen Unwillen in Wein. Solch ein Wesen ist mir einfach zu fremd, als dass ich damit leicht warm werden könnte. Und zweitens sind mir Mittvierziger, die 22 Semester studiert haben, noch immer an der Doktorarbeit schreiben und noch nie richtig gearbeitet haben von Haus aus ziemlich suspekt.
Es sollen ja weitere Fälle für Stifter und den bayerischen Kommissar folgen und da wäre es mir schon lieb, aus Stifter würde irgendwann und irgendwie ein “richtiger Kerl” werden ;)
Falls nicht, muss ich mich wohl endgültig so an ihn gewöhnen, und vielleicht klappt das ja auch. Den Büchern um ihn werde ich ganz sicher treu bleiben, von daher besteht berichtigte Hoffnung.

 

Wie gesagt, ich hätte “Sommersaat” am liebsten in einem Rutsch gelesen. Das ging aber dann doch nicht, denn erstens lese ich meist abends und muss ja auch mal schlafen, und zweitens ist es auch nicht ganz einfach zu lesen. Und zwar in dem Sinne, dass es überwiegend schildernd geschrieben ist. Längere Dialog-Passagen, die zumindest mein Lesetempo beschleunigen, findet man hier nicht allzu häufig. Das ist kein Kritikpunkt, bitte nicht falsch verstehen, aber man muss sich mehr Zeit dafür nehmen und sich mehr konzentrieren. Beides lohnt sich bei diesem Buch aber auf jeden Fall!

 

Das Covermotiv mag jetzt nicht so der Reißer sein, aber ich finde, genau das macht hier den Reiz aus. So viel wunderschöner blauer Himmel über einer saftig grünen Wiese und einem idyllischen Häuschen…und dann das Wort “Kriminalfall”. Gegensätzlicher geht es kaum. Und genau dieser Gegensatz findet sich auch in der Geschichte wieder. Somit passen Covermotiv und Inhalt ganz ausgezeichnet zu einander.

 

Fazit: Mir hat “Sommersaat” sehr gut gefallen. Ein sehr spannender Krimi, bei dem das Verbrechen speziell durch diesen so harmlosen und friedlichen Handlungsort noch mal eine ganze Spur abscheulicher wirkt als es ohnehin schon ist. Ausserdem hält “Sommersaat” einen stetig neugierig darauf, welche Abgründe sich in Germerow noch auftun. So gelingt es ihm, dass man schnell jedem die Tat oder eine Beihilfe dazu zutraut, was den wesentlichen Teil der Spannung ausmacht.

Quelle: http://leserattz.wordpress.com/2012/01/25/rezension-sommersaat-tanja-weber