Wo die Langeweile wohnt...

Wo die verlorenen Seelen wohnen - Dermot Bolger, Bernadette Ott

Joey ist neu an seiner Schule – doch in dem allseits beliebten Shane findet er schnell einen besten Freund. Seine Mitschülerin Geraldine aber warnt Joey: Shane hätte sich mit dem Bösen eingelassen und Joey solle sich besser von ihm fernhalten. Und tatsächlich geschehen immer merkwürdigere Dinge, wenn die beiden Freunde zusammen sind. Joey möchte herausfinden, was für ein Geheimnis Shane verbirgt – und macht im Keller eines heruntergekommenen Hauses eine furchtbare Entdeckung.

 

Dieses Buch ist eines von der Sorte, die hauptsächlich wegen des Covers den Weg in mein Regal gefunden haben. Das Cover hatte es mir angetan seit ich das Buch zum ersten Mal in der Hand hielt. Titel und Klappentext weckten dagegen -ebenfalls seit diesem ersten Mal- gewisse Zweifel. Ich habe mir aber gut zugeredet, dass es ein Buch für Jugendliche ist und dass ich deshalb nicht DEN Grusel schlechthin erwarten kann / darf. Somit war ich doch ganz neugierig auf diesen Mystery-Thriller.
Doch das gute Zureden hat letztlich nicht viel gerettet.
Es stimmt natürlich: es ist ein Buch für junge Leser, entsprechend sind auch die Hauptcharaktere Jugendliche und die Handlung spielt in ihrer “Welt”. Den meisten Erwachsenen fallen eher kleinere Rollen zu. Das stört mich nicht, das mag ich im Gegenteil sogar sehr gerne. Die Kids sind durchweg ganz sympathisch und ich bin mit ihnen schnell warm geworden und konnte mir ein gutes Bild von ihnen machen.
Aber “Buch für Jugendliche” hin oder her, das heißt doch nicht, dass man nicht auch auf die eine oder andere neuartige Idee hoffen darf, oder? Der Klappentext klang für mich nicht sonderlich innovativ, daher hoffte ich, die Geschichte würde mich trotzdem mit der einen oder anderen Idee überraschen. Das war leider nicht der Fall. Ein unheimliches Haus, ein seltsamer Junge, bei dem man nicht sicher sein kann, ob er gut oder böse ist und dem eine geheimnisvolle Vergangenheit nachgesagt wird, düstere Gerüchte und Warnungen, der Tausch bzw die Weitergabe von Seelen und allerlei typische Requisiten… So etwas dürfte jedem schon mal begegnet sein, der seine Nase gelegentlich in schaurige Bücher steckt oder sich ab und zu einen Gruselfilm anschaut.
Zudem habe ich die Geschichte als ausgesprochen vorhersehbar empfunden. Es brauchte gar nicht viele Kapitel bis ich ahnte, in welche Richtung die Handlung läuft. Natürlich noch nicht in jedem Detail, aber doch im Groben. Und auf jeden Fall genug, dass ich die Geschichte nicht mehr sonderlich spannend fand. Daran konnten auch die zahlreichen Wendungen nichts ändern, die Dermot Bolger eingebaut hat. Sie kommen vor allem dadurch zustande, dass die Geschichte mit jedem Kapitel die Perspektive wechselt. Nicht immer begleitet man Joey durch dieses Abenteuer, ebenso häufig begleitet man Shane, Geraldine und andere Personen, sowohl in der Gegenwart als auch in ihrer Vergangenheit. So puzzelt sich nach und nach das genauere Bild der Handlung bzw des Geschehens zusammen. Da wäre grundsätzlich gar nicht verkehrt, aber wenn man bereits ahnt, worauf das alles hinauslaufen wird, kann man halt nicht mehr großartig überrascht werden.
Und ich denke, das gilt für mich nicht nur, weil ich schon älter bin als die angepeilte Leserschaft. Dies ist ein Buch, das vor allem Jugendliche interessieren wird, die ohnehin ein Faible für solche Geschichten haben. Für die Wenigsten wird es das erste dieser Art sein. Somit wird die Handlung von “Wo die verlorenen Seelen wohnen” auch dem jugendliche Leser irgendwie ziemlich vertraut vorkommen.
Ich rate allerdings trotzdem dazu, speziell die letzten Kapitel sehr aufmerksam zu lesen. Denn da prallen die Charaktere und Handlungsstränge aus Gegenwart und Vergangenheit zusammen, da weiß man oft gar nicht, welcher Charakter gerade er selbst ist oder welcher von einer fremden Seele gelenkt wird, und es werden Erklärungen und Zusammenhänge am Fließband geliefert. Wer bis dahin noch nicht geahnt hat, wohin der Hase läuft, der sollte sich hier gut konzentrieren, sonst ist man verloren. Für ein Buch für junge Leser fand ich diese Kapitel ganz schön heftig.

 

“Wo die verlorenen Seelen wohnen” liest sich nicht so leicht wie ich es von einem Jugendbuch erwarte. Das liegt vor allem daran, dass es -für mein Empfinden- im Verhältnis wenige Dialogszenen gibt. Dagegen wirken die erzählenden und schildernden Passage ziemlich wuchtig, und lesen sich anstrengender und schwerfälliger. Glücklicherweise ist durch den Wechsel der Sichtweisen und den Sprüngen in der Zeit eine gewisse Abwechslung gegeben, die auch ein wenig auflockert. Ein zäher Eindruck ist bei mir dennoch geblieben.

 

Auch wenn mich die Geschichte nicht überzeugen konnte, von dem Covermotiv bin ich noch immer schwer begeistert. Schön düster mit den Bäumen, dem Weg und der dunklen Gestalt, im Hintergrund ein altes Haus und davor heller Nebel und Lichtflecken, die man mit etwas Phantasie für Geister halten kann. Diese Lichtspielerein lassen das Cover unheimlich und mysteriös wirken.

 

Fazit: Mir hat “Wo die verlorenen Seelen wohnen” nicht besonders gefallen. Zu viele Elemente, die einem schon mal anderswo in Büchern oder Filmen begegnet sind, und eine ziemlich vorhersehbare Geschichte. Ich denke, dieses Buch wird auch für jugendliche Fans dieses Genres wenig Neues und Überraschendes bereithalten.

Quelle: http://leserattz.wordpress.com/2012/05/05/rezension-wo-die-verlorenen-seelen-wohnen-dermot-bolger