Spannend und nachdenklich

Vollendet - Neal Shusterman

Der 16-jährige Connor hat ständig Ärger. Risa lebt in einem überfüllten Waisenhaus. Lev ist das wohlbehütete Kind strenggläubiger Eltern. So unterschiedlich die drei auch sind, eines haben sie gemeinsam: Sie sind auf der Flucht. Vor einem Staat, in dem Eltern ihre Kinder im Alter von 13 bis 18 Jahren umwandeln lassen können. Die Umwandlung ist schmerzfrei. Jeder Teil des Körpers lebt als Organspende in einem anderen Organismus weiter. Aber wenn jeder Teil von dir am Leben ist, nur eben in jemand anderem … lebst du dann, oder bist du tot?

 

Diesem Buch bin ich verhalten begegnet. Im Zusammenhang damit hatte ich zuvor mal den Begriff “Organspende” gehört. Ich befürchtete also entweder eine Geschichte contra Organspende, oder aber eine wissenschaftliche und damit öde Abhandlung.
Dieses Thema ist allerdings nur insofern Dreh- und Angelpunkt, dass Neal Shusterman aufzeigt, welche Folgen es haben könnte, wenn sich die Menschen heute vermehrt gegen die Organspende stellen würden. Dass dann nämlich die Medizin in einer (gar nicht so) fernen Zukunft soweit sein könnte, dass Menschen zwangsweise zerlegt werden könnten. Beispielsweise straf- oder sonstwie auffällige Jugendliche, oder solche, die in einem Waisenhaus oder Ähnlichem dem Staat finanziell zu sehr zur Last fallen. Vielleicht aber auch Jugendliche, deren religiös fanatische Eltern sie aus ihrem verschrobenen Glauben heraus freiwillig opfern.
Ob das nun realistisch ist, das kann ich nicht sagen. Ich glaube an den medizinischem Fortschritt und ebenso an die Kaltschnäuzigkeit eines Staates. Von daher müsste ich sagen, dass es durchaus vorstellbar ist. Aber der Vorgang an sich, wie er hier einmal beschrieben wird, ist mir doch widerum zu unvorstellbar. Ich bin aber kein Mediziner, deshalb: keine Ahnung, ob es realistisch ist. Aber es ist zumindest bedenklich, dass man es überhaupt in Erwägung zieht, oder? Eine interessante Idee von Neal Shusterman also, die ich -zugegeben- irgendwo auch cool finde. Ich habe die Schilderung der Umwandlung völlig fasziniert gelesen.
Ein wie oben beschriebenes Trio jedenfalls ist in dieser Geschichte also auf der Flucht vor ihrer zwangsweisen Umwandlung. Und hatte mich im Nu gepackt! Denn diese Flucht ist gleich in verschiedener Hinsicht spannend.
Natürlich, weil man sich imm fragt, ob sie ihrem Schicksal entkommen können, ob sie überhaupt eine Chance haben. Denn auch in Momenten, in denen sie sicher zu sein scheinen, liegt immer ein starker Zweifel an dieser Sicherheit und eine gewisse Bedrohung  in der Luft. So kann man sich einfach nie gewiss sein.
Ich fand es aber ebenso spannend zu verfolgen, wie die drei Jugendlichen sich entwickeln. Vor allem der gut behütete Levi, dem sein Leben lang von seinen religiös fanatischen Eltern eingetrichtert wurde, es sei eine große Ehre als Zehntopfer (jeweils das 10. Kind einer Familie) die Wandlung mit sich vollziehen zu lassen. Erstaunlich, welche Veränderung er durchlebt. Aber auch Connors und Risas Entwicklung ist interessant zu verfolgen, nur aus anderen Gründen. Nachvollziehbar sind sie aber alle!
Ein großes Lob bzw einen speziellen Dank dafür, dass “Vollendet” nicht in einer zurück ins Mittelalter gefallenen Gesellschaft und Welt spielt. Die Welt hier wirkt dagegen genauso wie wir unsere gerade erleben.  Was andererseits natürlich durchblicken lässt, dass der Weg hin zu dem Vorgang der Wandlung womöglich gar nicht mehr so lang ist. Das ist so wirklich clever gemacht!

 

“Vollendet” liest sich sehr leicht und zügig. Dafür sorgen neben der spannenden Handlung eine einfache Sprache, kurze Sätze und tatsächlich ab und zu sogar Dialoge und Schilderungen mit einer gewissen Komik. Das unterstreicht das ohnehin hohe Tempo der Handlung noch mal zusätzlich. Und zumindest mein Lesetempo hat dadurch ebenfalls gut zugelegt.

 

Der schlichte Stil des Covers gefällt mir gut. So ist das Buch im Ladenregal sofort ein echter Hingucker. Über die Geschichte sagt es allerdings überhaupt nichts aus. Mit gutem Willen kann ich in dem eisig grauen Hintergrumd höchstens noch eine gewisse Bedrohlichkeit erkennen, mehr aber nicht. Aber Aufmerksamkeit erregt es in jedem Fall!

 

Fazit: Eine sehr spannende und interessante Geschichte, die mich in Atem gehalten hat. Doch “Vollendet” ist  nicht nur unterhaltsam, sondern regt auch zum Nachdenken an. Sollte es Organspende-Gegnern in die Hände geraten vielleicht sogar zum Umdenken. So abwegig ist das geschilderte Szenario nämlich nicht, auch wenn es einem beim Lesen vielleicht noch so scheint. Ein sehr empfehlenswertes Buch auf jeden Fall!

Quelle: http://leserattz.wordpress.com/2012/10/20/rezension-vollendet-neal-shusterman