Ich hätte die Figuren schütteln können...

Die Mädchenwiese - Martin Krist

“Die alte Frau sieht alles kommen. Sie findet die toten Mädchen. Sie kennt ihren Mörder. Aber sie wird schweigen. Der kleine Junge bangt um seine verschwundene Schwester, denn er hat etwas gesehen. Er will reden, doch niemand hört ihm zu. Seit Alex Lindner vor Jahren seinen Dienst als Kommissar quittiert hat, lebt er zurückgezogen in der Provinz. auch hier ein Mädchen verschwindet, weiß er: Der Mann, den er damals vergeblich jagte, ist zurück.

Diesmal muss er ihn fangen, denn der Blutzoll wird steigen.”

 

Über diesen Thriller hatte ich irgendwann so viel Gutes gehört, dass ich ebenfalls neugierig wurde. Und ich habe hinter dem schönen Cover auch einen an sich wirklich gelungenen und spannenden Thriller vorgefunden.
Nicht nur, dass in dem kleinen Ort Finkenwerda ein Mädchen verschwunden ist, was eine erschreckende Ähnlichkeit mit einem Fall von vor einigen Jahren hat, nein, in einem zweiten Teil der Geschichte erzählt eine alte Frau von ihrem schrecklichen Leben.
Das verleitet natürlich dazu, dass man beim Lesen nach möglichen Zusammenhängen sucht. Und sowas macht mir immer wieder Spass. Hier ist es so leicht möglich, da die Anzahl der Charaktere recht überschaubar ist und man regelmäßig von einem zum anderen wechselt, so dass man niemanden “vergisst”. Man hat stets alle wichtigen Personen quasi im Blick.
Als Drittes bekommt man noch einen Blick darauf gewährt, was den entführten Mädchen widerfährt. Und das ist heftig, wie es sich eben für einen ordentlichen Thriller gehört.
Mir hat zudem der Charme gefallen, den das kleine Örtchen im Spreewald umgibt. Ich mag diese Gegend sehr gerne und deshalb hat es mich gefreut, dass der Thriller dort spielt.
Martin Krist versteht sich außerdem auf wirklich fiese Cliffhanger am Ende der Kapitel und folgende Schauplatzwechsel. So kann man fast gar nicht anders als “noch eben” ein Kapitel weiter zu lesen.
Es gibt aber auch etwas, das mich gestört hat. Nämlich, dass einfach keiner der Charaktere mal den Mund aufkriegt. Das hat mich lange Zeit ganz schön genervt. Ich bin mir sicher, die Geschichte wäre bedeutend kürzer gewesen, wenn die handelnden Personen mal gesagt hätte, was sie eigentlich wissen und wollen.
Ich weiß, es ist gewagt das zu sagen, aber in dieser Hinsicht ist mir vor allem der achtjährige Sam auf die Nerven gegangen. Sam, der scheinbar nichts dazu lernt, am liebsten im Selbstmitleid versinkt, nicht auch nur einen Hauch von Selbstbewusstsein und Mut hat, und eine Dummheit nach der anderen begeht.
Aber auch den übrigen Charakteren hätte ich gerne mal ein: “Jetzt mal endlich raus mit der Sprache!” zugerufen.
Denn es ist wirklich immer zu spüren, dass da noch etwas hinter der Fassade steckt, bei dem ein Satz schon Licht ins Dunkel bringen würde.
Ich finde, es darf nicht so deutlich spürbar sein, dass ein Großteil der Spannung lediglich von Verheimlichungen herrührt.
Geheimnisse, okay, aber dann doch lieber mit einer Überraschung am Ende, weil man es zuvor niemals erwartet hätte.

 

Durch die Cliffhanger und dem ständigen Wunsch, dass mal einer der Charaktere mit der Sprache rausrückt, hatte ich “Die Mädchenwiese” an zwei Abenden ausgelesen. Es liest sich aber auch sehr gut und die Kapitel haben eine angenehme Länge, die zum immer Weiterlesen verleitet.

 

Mit meiner bekannten Vorliebe für die Farbe Blau ist es klar, dass mir das Cover sofort gefallen hat. Schön finster ist es zudem auch. Das steht einem Thriller einfach. Außerdem war ich neugierig, was so liebliche Tiere wie Schmetterlinge auf dem Cover eines Buches dieses Genres verloren haben.

 

Fazit:  Ich fand “Die Mädchenwiese” nicht schlecht. Ich habe Dank der fiesen Cliffhanger und dem Wunsch, dass endlich mal etwas Wichtiges an den Tag kommt, zwei durchaus spannende Abende damit verbracht. Allerdings fand ich es nicht gut, dass die Spannung in erster Linie dadurch zustande kommt, dass sich sämtliche Charaktere in verstocktes Schweigen hüllen. Ich hätte einen nach dem anderen deshalb ständig schütteln können.

Quelle: http://leserattz.wordpress.com/2012/11/07/rezension-die-madchenwiese-martin-krist